Hope
Ich war nicht immer so. Zielstrebig. Ehrgeizig. Fröhlich. Es gab eine Zeit, einen dunklen Abgrund in meiner Vergangenheit, da war ich das genaue Gegenteil.
Aufgewachsen bin ich in einer großen Villa mit Pool und eigenem Park. Ich war eine Vorzeigetochter - Musterschülerin, Liebling aller Lehrer. Mein Vater besaß eine riesige Firma, die er schon von seinem Vater geerbt hatte. Mein Verhältnis zu ihm war bestens. Er war quasi mein bester Freund und er nahm sich viel Zeit für die Familie. Meine Mutter war da anders. Sie stellte gerne mal die Arbeit über uns, wenn mein Vater nicht aufpasste. Als ich sechs oder sieben war, adoptierten meine Eltern einen Jungen in meinem Alter. Wir stritten uns öfter, kamen ansonsten aber gut miteinander klar. Alles in allem waren wir eine Familie wie jede andere auch.
Mit der Pubertät veränderte sich alles. Es war keine leichte Zeit für uns. Ich rebellierte, wo es nur ging. Ich vernachlässigte gerne mal die Schule, fing an zu rauchen, war ständig auf Partys unterwegs und trank des Öfteren mal Alkohol. Mit meinen Noten ging's bergab, sie waren aber noch ganz in Ordnung. Die Beziehung zu meinem Vater war trotz der ein oder anderen Meinungsverschiedenheit noch genau so gut wie früher, während die Beziehung zu meiner Mutter durch heftige Streitereien einige tiefe Kratzer davontrug. Auch mit meinem Bruder gab es immer wieder Auseinandersetzungen, die nicht selten damit endeten, dass ich meinen Aschenbecher nach ihm warf, was nicht gerade dazu beitrug, dass sich meine Mutter und ich wieder anfreundeten. Mein Vater war der einzige, der es in solchen Situationen immer wieder schaffte, mich zu beruhigen.
Bis zu jenem Tag im August, als er bei einem Autounfall ums Leben kam. Er war auf dem Weg nach Hause als ihm in einer scharfen Kurve plötzlich ein Sportwagen auf seiner Spur entgegenkam. Er konnte nicht mehr rechtzeitig ausweichen und die beiden Wagen krachten ungebremst aufeinander. Mein Vater war sofort tot. Der Fahrer des anderen Wagens kam mit leichten Verletzungen davon. Es stellte sich heraus, dass er zu schnell unterwegs war und die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor, weshalb er auf die andere Spur geriet. Als der Kerl nach der Beerdigung zu uns kam, um sich dafür zu entschuldigen, was passiert ist, nannte ich ihn ein "asoziales Arschloch" und ging schreiend und mit Händen und Füßen auf ihn los. Alle starrten mich an, aber es war mir egal. Ich schlug immer weiter auf ihn ein bis der Pfarrer und mein Bruder es schließlich schafften, mich von dem Kerl wegzuziehen. Er ging ohne ein weiteres Wort zu sagen und ich rief ihm noch nach, dass ich hoffe, er würde ewig in der Hölle schmoren.
Von da an war mir in meinem Leben alles egal. Ich ging zwar noch zur Schule, fiel aber ständig unangenehm auf, weil ich mich mit den Lehrern anlegte, wenn sie mir wieder mal sagten, dass auf dem Schulhof nicht geraucht werden darf, oder Mitschüler beschimpfte, weil sie mir im Weg standen. Die Partys endeten immer häufiger damit, dass ich völlig betrunken nach Hause kam. Meine Mutter hatte nun überhaupt keine Zeit mehr für uns. Sie zog es vor, 18 Stunden am Tag zu arbeiten.
Im Dezember flog ich schließlich von der Schule. Zwei Mal wurde ich vom Unterricht ausgeschlossen, beim dritten Mal hatte der Direktor kein Nachsehen mehr mit mir und warf mich kurzerhand von der Schule. Es interessierte mich nicht sonderlich.
Die nächsten Wochen saß ich nur daheim rum. Es scherte mich nicht, was aus meinem Leben wurde, solang ich Zigaretten und Alkohol hatte. Arbeiten ging ich auch nicht, meine Eltern hatten ja genug Geld. Allerdings hatte ich nicht mit meiner Mutter gerechnet. Im Februar hatte sie die Nase voll davon, dass ich den ganzen Tag nur rauchte und Bier trank und schmiss mich aus dem Haus. Jetzt stand ich ganz allein da. Wohl oder übel musste ich mir einen Job suchen, da ich keine Lust hatte, auf der Straße zu leben. Bis ich was gefunden hatte, konnte ich bei ein paar Bekannten unterkommen.
Schon ein paar Tage später konnte ich in einem heruntergekommenen Stripteaseclub anfangen. Mit Minirock, BH und Stiefeln mit 10 cm-Absatz bekleidet musste ich die notgeilen Opas bedienen, die beim Anblick der halbnackten Tänzerinnen jedes Mal beinahe einen Herzinfarkt bekamen und anfingen zu sabbern. Der Job kotzte mich an. Schlecht bezahlt war er auch noch. Das Geld reichte gerade mal für eine schäbige Ein-Zimmer-Wohnung mit einem Badezimmer, in dem man sich kaum umdrehen konnte und wo die Dusche die meiste Zeit defekt war. Ab und zu verkaufte ich meinen Körper an einen Freier. Von dem Geld kaufte ich mir dann Alkohol oder auch mal Drogen, die ich wiederum nahm, um vergessen zu können, was ich getan hatte. Tagsüber saß ich immer im Park und trank Bier.
So auch Mitte Juli wieder. Ich hatte es mir gerade auf einer Bank gemütlich gemacht, als mir der kleine Hund auffiel. Ich hatte ihn vorher noch nie gesehen, aber er schien schon länger auf sich allein gestellt zu sein. Sein Fell war schmutzig. Ein Halsband trug er auch nicht. Er suchte wohl nach Futter und bettelte, wenn Passanten vorbeikamen. Ich beachtete ihn nicht weiter, da ich mit Hunden sowieso nichts anfangen konnte. Sie waren einfach nur lästig. Sie mussten gebadet werden, man musste mit ihnen spazieren gehen, zum Tierarzt und wenn man Pech hatte, durfte man sich auch noch mit Flöhen herumschlagen. Die nächste Zeit sah ich den Kleinen immer wieder durch den Park laufen. Er schien von Tag zu Tag dünner zu werden. Irgendwann bettelte er mich um Futter an. Ich saß auf meinem Lieblingsplatz und kaute auf einem trockenen Brötchen. Das war alles, was ich mir leisten konnte. Ich hatte nur noch etwa ein Viertel übrig, als ich ein leises Jaulen hörte und direkt danach etwas an meinem Bein spürte. Ich sah runter und da stand er. Seine traurigen Augen wanderten von mir zu dem Brötchen in meiner Hand und wieder zurück. Erst jetzt bemerkte ich, wie schlimm es wirklich um ihn stand. Sein Fell war so verdreckt, dass man die Farbe kaum noch erkennen konnte und an einigen Stellen war es stark verfilzt. Sein linkes Auge war geschwollen und völlig verklebt, das andere sah auch nicht viel besser aus. Ich warf ihm den Rest Brötchen hin und verschwand. Er schlang es hinunter als hätte er schon ewig nichts mehr zu fressen gehabt. Am nächsten Tag kam er wieder zu mir. Ich scheuchte ihn weg. Ich war so gut wie pleite und wollte das bisschen Essen, das ich mir leisten konnte, nicht noch teilen. Nach ein paar Metern drehte er sich um und schaute mich an, als wäre er enttäuscht von mir. An diesem Abend verkaufte ich meinen Körper für gerade mal 50 Euro an einen übergewichtigen, groben Kerl, was ich bitter bereuen sollte. Morgens wollte ich mir Bier und Zigaretten davon kaufen. Ich war schon auf dem Weg zum Kiosk, als ich bemerkte, wie der kleine Hund vergammelte Essensreste aus dem Mülleimer hinunterwürgte. Ich stockte, dann änderte ich die Richtung und ging statt zum Kiosk in den nächsten Supermarkt. Dass es so viele verschiedene Sorten Hundefutter gibt, wusste ich gar nicht. Ich nahm eine von den größeren Packungen. Wieder draußen, war der Hund verschwunden. Ich machte mich auf den Weg in den Park in der Hoffnung, ihn dort zu finden. Dem war auch so. Er lag unter einem Busch versteckt und ließ mich nicht aus den Augen, während ich auf ihn zuging. Ich holte das Futter aus der Tasche, riss es auf und stellte es vor ihn. Er schnupperte kurz, bevor er mit ein paar wenigen Bissen alles aufgefressen hatte. Ich wartete noch bis er aufhörte, die Verpackung abzulecken, warf sie dann weg und ging nach Hause. Das war vorerst das einzige Mal, dass ich mich um ihn kümmerte.
Zwei Wochen später sonnte ich mich auf meiner Bank, als ich ein paar Kerle grölen hörte. Ich ignorierte es zuerst. Dann hörte ich Hundegebell, dicht gefolgt von lautem Gejaule. Ich schlug die Augen auf und sah mich um. Da lief der Hund, nur ein paar Meter von mir entfernt. Er humpelte und schien am Kopf zu bluten. Die Kerle bewarfen ihn mit Steinen und leeren Bierflaschen. Er versuchte abzuhauen, konnte aber kaum laufen. Einer der Männer traf ihn an der Seite und der Hund heulte wieder auf. Ohne es überhaupt zu registrieren, ging ich auf die Männer zu, schrie, dass sie ihn in Ruhe lassen sollen, nahm den Hund auf den Arm und lief zur Fußgängerzone, verfolgt von Gelächter. Der Hund zitterte am ganzen Leib und trotz des dichten Fells konnte ich deutlich seine Rippen spüren. Ich fragte jemanden, wo der nächste Tierarzt ist. Kaum dort angekommen, wurde ich auch schon von einer Helferin in ein Behandlungszimmer gebracht und sie begann sofort, das Fell zu schneiden und die Kopfwunde zu versorgen. Danach kamen noch die Augen und das Bein dran. Der Hund war eine sie, schwarz-weiß und wie der Tierarzt sagte ein Papillon, ein Schmetterlingshund. Ich stutzte. Schmetterlinge waren meine Lieblingstiere, als ich noch ein Kind war. Mein ganzes Zimmer war voll mit Bildern von ihnen. Sie hatten etwas Aufmunterndes für mich. Wenn es mir schlecht ging, musste ich sie nur ansehen und schon fühlte ich mich besser. Es war ein seltsamer Zufall, ihn ausgerechnet ein Jahr nach dem Tod meines Vaters zu finden. Nach einer halben Ewigkeit war der Tierarzt mit allem fertig. Er fragte, ob ich mich um den Hund kümmern will. Er musterte mich kurz mit prüfendem Blick. Ich machte bestimmt keinen guten Eindruck mit meinen dreckigen, zerrissenen Klamotten, den Zigaretten und der Alkoholfahne. "Ansonsten können wir den Hund auch ins Tierheim bringen", sagte er. Als hätte sie verstanden, was er gesagt hatte, drehte die Kleine ihren Kopf zu mir und sah mich mit einem Blick an, als wollte sie sagen: "Lass mich nicht im Stich!" "Nein", antwortete ich. "Ich nehm' sie mit." "Sind Sie sicher? Die Pflege wird einiges an Geld kosten." "Ich schaff das schon", erwiderte ich etwas grob, schnappte mir den Hund und verließ die Praxis.
Ich musste aufpassen, damit der Vermieter nichts merkte. In meiner Wohnung waren keine Hunde erlaubt. Bevor ich zur Haustür kam, versteckte ich die Kleine deshalb in meiner alten Tasche, die ich damals glücklicherweise mitgenommen hatte. Wenn es an der Tür klingelte, sperrte ich sie in den Schrank. Auf Dauer war das aber keine Lösung, da sie nach einer Weile anfing, an der Tür zu kratzen. Und wenn ich mich um ihre Augen kümmerte, musste ich die Musik lauter drehen, damit man ihr Jaulen nicht hörte, was die Nachbarn natürlich ärgerte. Sie hatte wirklich einiges mitgemacht und die Umgebung trug scheinbar nicht gerade dazu bei, dass sie sich schnell erholte. Auch das Geld war immer noch ein Problem. Mir wurde klar, dass es so nicht weitergehen kann. Praktisch von einer Minute auf die andere hörte ich auf zu rauchen und zu trinken, um genug Geld für die Medikamente zu haben. Außerdem machte ich mich auf die Suche nach einem neuen Job, was aber nicht so einfach ist, wenn man wegen Alkoholtrinkens von der Schule geflogen ist. Einige Wochen später fand ich aber was. Ich fing in einer Disko an der Theke an. Die Arbeit gefiel mir. Es war viel gepflegter als in diesem Stripteaseclub. Normale Kleidung, verhältnismäßig gute Bezahlung, noch besseres Trinkgeld. Nach langem konnte ich mir mal wieder neue Klamotten kaufen. Aber jetzt machte der Vermieter Stress. Eine Nachbarin hatte mich einige Male mit der Kleinen gesehen und es ihm erzählt. Ich bekam eine Abmahnung. Sollte ich den Hund nicht innerhalb von 14 Tagen abschaffen, drohe mir die Kündigung. Die 14 Tage kamen und gingen. Und die Kleine war immer noch bei mir. Ich schaffte sie natürlich nicht ab. Stattdessen blätterte ich haufenweise Zeitungen durch, um eine neue Bleibe zu finden. Schließlich zog ich in eine hübsche Zwei-Zimmer-Wohnung ganz in der Nähe des Parks. Das Badezimmer hatte sogar eine Wanne. Auch Waschmaschinen standen im Keller für jeden zur Verfügung. Die Waschsalon-Zeit war also auch vorbei, was bedeutete, dass ich meine Sachen öfter als ein Mal im Monat wusch. Mit dem Hund kam mir die Vermieterin etwas entgegen. Er war ja nicht groß und wenn er keinen Lärm machte, hatte sie nichts dagegen, dass ich ihn behielt. Die neue Umgebung schien einen guten Einfluss auf die Kleine zu haben, die Genesung ging jetzt viel schneller voran. Das Fell glänzte, die Wunde am Kopf war nicht mehr zu sehen, die Schwellungen um die Augen gingen zurück und das Bein konnte sie auch wieder richtig benutzen. Die Vermieterin gab ihr schließlich den Namen Hope, Hoffnung. Der Name passte sehr gut zu ihr. Nicht nur, weil sie selbst scheinbar neue Hoffnung geschöpft hatte, sondern auch mir Kraft und Trost spendete. Wir fühlten uns sehr wohl in der Wohnung und die Arbeit machte mir richtig Spaß, auch wenn ich immer noch nicht wirklich viel verdiente. Trotz allem ging es nach langer Zeit endlich wieder bergauf in meinem Leben.
Im Oktober bekam ich dann einen Anruf von meinem Bruder. Meine Mutter hat sich mit einer Überdosis Tabletten das Leben genommen. Warum wissen wir nicht, sie hat keinen Abschiedsbrief oder dergleichen hinterlassen. Vermutlich hat sie den Tod meines Vaters nicht verkraftet. Auf der Beerdigung traf ich meinen Bruder das erste Mal seit meinem Rauswurf wieder. Er sah gut aus. Er hatte jetzt nur noch ein Jahr Schule vor sich, bevor er Abitur machen und sein Studium anfangen würde.
Aber es kam anders als erwartet. Ursprünglich sollten wir die Firma gemeinsam übernehmen. Wie wir erfuhren, hatte meine Mutter allerdings kurz nach unserem Streit das Testament geändert. Mein Bruder war jetzt Alleinerbe. Auch das Grundstück, die Autos und alles andere wurde ihm zugesprochen. Ich bekam von den einigen Millionen Euro Vermögen nur 100.000. Mich traf der Schlag. Ich weiß, ich habe einiges an Mist gebaut, aber den Adoptivsohn so zu bevorzugen, ist für mich unverständlich. Ihm schien es noch nicht einmal Leid zu tun. Er ließ mich einfach stehen und fuhr nach Hause. Ich musste wohl das Beste daraus machen und beschloss, eine eigene Firma zu gründen. Ich würde es ihnen schon zeigen.
Zusammen mit meiner Vermieterin überlegte ich mir ein gutes Konzept und mietete einen kleinen Laden. Sie war auch so nett mir mit dem Bürokram zu helfen, da ich davon nicht viel Ahnung hatte. Der Anfang war ziemlich hart, ich machte einige Verluste. Nach und nach bekam ich aber Stammkunden. Ein Jahr später lief das Geschäft schon so gut, dass ich die Angebotspalette verdoppeln, erste Mitarbeiter einstellen und einen zweiten Laden aufmachen konnte. Bald darauf folgten die Filialen Nummer 3 und 4. Und der Erfolg riss nicht ab. Im Gegenteil. Ich habe mich sogar noch einen Schritt weiter gewagt und bin zur Produktion übergegangen. Die Kunden waren mehr als begeistert. Sogar die Zeitungen berichteten davon. Ich hab's geschafft.
Mittlerweile bin ich 24 und die Firma ist mit 70 Sitzen, darunter 30 in den USA, Kanada und Asien, etwa dreimal so groß wie die Firma meiner Eltern. Anders als sie und mein Bruder gebe ich das Geld aber nicht für riesige Villen und teure Autos aus, sondern spende es an verschiedene Tierheime und Tierschutzorganisationen. Hope ist meine beste Freundin geworden und begleitet mich immer und überallhin. Und wenn wir nach Hause kommen, warten ein halbes Dutzend Spielkameraden auf sie. Ich liebe es, auf der Terrasse zu sitzen und ihnen beim Toben zuzusehen, während die untergehende Sonne langsam hinter den Bäumen verschwindet und sich mit einem letzten kraftvollen Leuchten verabschiedet.
|