Richtig hinschauen unmöglich: Gedanken zur Bilderflut
Das Auge in einer ständigen Aufholjagd. Der Drang nach oft belanglosen, aber vom menschlichen Auge gebrauchten, Informationen, ist das Thema von Wilhelm Genazinos Bericht, welcher vor allem die These der Notwendigkeit dieser angesprochenen Jagd, des Menschen nach Informationen, thematisiert.
Er beschreibt als Einleitung zu seinen später formulierten Gedanken, eine Situation, wie sie jedem von uns täglich begegnen könnte. Er beobachtet junge Männer in der S-Bahn. Nach kurzer Zeit stellt er ihre zwanghafte Unruhe fest. Es scheint als könnten sie sich nicht für eine einzige Sekunde auf nur eine Sache konzentrieren. Sie blicken ständig in andere Richtungen, sie beschäftigen sich mit Gegenständen die sich in ihren Händen befinden, sie befühlen das Material ihrer Hosen und das der anderen, sie hören nebenbei Musik durch Kopfhörer und sie reden miteinander. Dies alles geschieht parallel. In der Informatik würde man das „Multitasking“ bezeichnen. Das ausführen von mehreren Dingen zur selben Zeit.
Er stellt die These auf, dass der moderne Mensch, beziehungsweise das Auge des Menschen, zwanghaft nach neuen Dingen sucht. Es ist nicht zufrieden mit dem was es sieht. Immer wieder braucht es neue Eindrücke und neue und neue und wieder neue.
Mit Sicherheit sind wir Menschen darin trainiert, wie er selbst es sagt, aber ist es so, dass wir anders könnten, wenn wir wollten? Ich denke, es liegt in der Natur des Menschen. Der ständige Wissensdrang ist es, der das ganze hier beschriebene Problem, weniger als Problem darstellt, sondern eher als Beleg der Entwicklung zu sehen ist.
Es ist nicht die Gesellschaft, die uns zu dieser Sucht nach Reizen zwingt, sondern wir haben aus unserer Sucht, diese Gesellschaft erschaffen.
Der Fotoapparat, oder auch das Fotografieren als Massenhobby resultiert nicht, wie er in seinem Text behauptet aus der alltäglichen Überreizung unserer Sinne, sondern aus der Notwendigkeit eines Gegengewichtes.
Es ist ein Fakt, dass wir Menschen zu allem was wir erschaffen, auch ein Gegengewicht brauchen. Wir leben den Stress, aber suchen die Ruhe. Wir drängen nach technischem Fortschritt, aber suchen die Natur. Wir essen uns satt, aber suchen die perfekte Diät.
Wir sind süchtig nach Informationen und doch brauchen wir den nötigen Abstand um zu überleben.
Genazino spricht die Möglichkeit an, in baldiger Zukunft sogenannte „Silence-Center“ zu erschaffen. In diesen öffentlichen Einrichtungen könnte man, gegen Geld natürlich, Ruhe finden. Nichts sehen, hören, riechen, fühlen. Ohne jegliche Information, also ohne jeglichen Sinnesreiz. Was kann man dazu sagen?
Utopie ist dies nicht. Wie allgemein bekannt ist, existieren in bestimmten Großstädten, vor allem in Japan, bereits solche Einrichtungen. Ob sie notwendig sind kann ich nicht sagen, aber sie sind ein Produkt dieser Entwicklung, die ich nicht als negativ bezeichnen würde. Jede Entwicklung stößt vorerst auf Skepsis und Unverständnis. Ich glaube aber, in wenigen Jahren sieht man die heutige Gegenwart als langweilig, veraltet oder auch einfach als Geschichte an. Solche Center, und sicher auch ganz andere Dinge, werden dann als normal und vor allem alltäglich gesehen.
Das ganze große Problem, welches Genazino also sieht, ist genau genommen kein Problem, sondern wie gesagt ein vollkommen logisches Produkt unserer selbst. Wir können nicht ohne diese Befriedigung unserer Informationssucht, aber können auch nicht ohne sie. Wir sind die Geiseln unseres Ich.
Ich bin mir sicher, Genazino meinte die Theorie mit dem Center ironisch. Eine Art Fingerzeig, was passieren könnte, aber wir alle wissen es wird nie passieren. Und doch passierte es! Er unterschätzte die Kragenweite des von ihm angesprochenen Themas, aber beurteilte die Problematik über. Hierbei handelt es sich einfach um eine Entwicklung, die wir ebenfalls überleben werden. Es kommt der Tag, da finden wir keinen Ausweg aus der von uns provozierten Entwicklung, aber dieser ist noch in weiter Ferne.
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